„Höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit“ (J.W. Goethe)
Angesichts vieler Irrungen und Wirrungen in der pädagogischen Theorie und Praxis, deren Ursache insbesondere in falschen, weil reduktionistischen und in unserer Gesellschaft leider stark propagierten Menschenbildern zu finden ist, erscheint es mir notwendig, ein paar Grundsätze eines christlichen Erziehungsverständnisses in Erinnerung zu rufen. Dieses Verständnis spiegeln meiner Meinung nach etwa der Schulzielparagraph der österreichischen Bundesverfassung oder die Verfassung Bayerns über die Aufgabe der Schule wider. Der österreichische Schulzielparagraph beinhaltet folgende Passagen:
„Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken. Sie hat die Jugend mit dem für das Leben und den künftigen Beruf erforderlichen Wissen und Können auszustatten und zum selbsttätigen Bildungserwerb zu erziehen.“
Der Text der bayrischen Verfassung, der so wie der österreichische für alle Lehrer gilt, lautet wie folgt:
„Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen. Sie sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden. Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt.“ (Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen in der Fassung der Bekanntmachung vom 31. Mai 2000, Artikel 1)
In diesen Verfassungstexten finden sich einige christliche Überzeugungen; es gibt ausdrücklich einen Bezug zur Religion. Und nicht zufällig gibt es einen inneren Zusammenhang vom biblischen Gedanken der Gottesebenbildlichkeit und der Bildung: Uns nach dem verloren gegangenen Ebenbild wieder (zurück) zu bilden, ist unser Auftrag, unsere übernatürliche Berufung, nämlich heilig zu werden, was unsere Würde begründet. (Platon sprach davon, dass alle Bildung ein Wiedererinnern ist.) Das Heilige ist eine geistig-seelische Dimension und Qualität. Um die kostbare Seele von Kindern und ihr Heil ist Sorge zu tragen – insbesondere von Erziehern, die in erster Linie jedoch immer die Eltern sein sollten. Wir sollten auch nie vergessen und in einem gesunden Urvertrauen verinnerlicht haben, dass die Dinge im Grunde gut sind und wir Gottes Geschöpfe sind. Er, der selbst das höchste Gut ist, hat uns gut geschaffen und will das Gute für uns. Wir dürfen uns immer getragen wissen – Gott wirkt zu unserem Wohl.
Das christliche Menschenbild sieht den Menschen nicht verkürzt materialistisch-biologistisch (wie alle Sozialismen es tun) oder dualistisch-vergeistigt, sondern ganzheitlich: als natürlich-körperliches und geistig-seelisches Lebewesen. Die körperliche Betätigung und Ertüchtigung darf nicht zu kurz kommen; ein gesunder Geist ist in einem gesunden Körper. Der berühmte Spruch des Dichters Juvenal besagt: Orandum est ut sit mens sana in corpore sano, genau übersetzt: Wir sollten für einen gesunden Geist in einem gesunden Körper auch beten. Doch welcher Auftrag und welche Prinzipien leitet sich überhaupt aus den geäußerten Gedanken für den Pädagogen ab? In den Worten von Papst Franziskus folgender:
„Der Pädagoge gibt dem Suchenden als sein Weggefährte Halt, ohne seine Freiheit zu beschränken; er nimmt ihm die Furcht und ermuntert ihn zum Weitergehen. Wie Jesus muss auch er; ganz gleich in welchem Bereich er sich bewegt, die Wahrheit, die er weitergibt, das Wissen, das er lehrt, und das Zeugnis, das er vorlebt zu einer untrennbaren Einheit werden lassen.“ (Papst Franziskus)
Die Seele eines Kindes soll sich entfalten, damit es gleichzeitig zu einem guten, richtigen Leben fähig bzw. tauglich wird. Dieses gute Leben umfasst zentral die ethisch-sittliche Vervollkommnung, d.h. die Charakter- und Persönlichkeitsbildung, die stets mit einer Seelenbildung einhergeht. Mit einem anderen Begriff umschrieben: Bildung umfasst wesentlich die Dimension einer Tugendbildung. (Davon wollen neomarxistische, antichristliche 68er mit ihrer antiautoritären Erziehungsvorstellung jedoch nichts wissen; es fehlt in ihrer Theorie und somit auch Praxis.) Ein heute verbreiteter zentraler Irrtum in diesem Zusammenhang besteht in der auf Jean-Jacques Rousseau zurückgehenden mit der so genannten „Erbsünde“ brechenden Vorstellung der natürlichen Güte des Menschen und dem daraus abgeleiteten „Zurück zu Natur“. Bei aller Teilberechtigung dieser Vorstellung – der Mensch ist von Gott gut geschaffen – wäre es sehr falsch und hochmütig anzunehmen, dass ein Kind so wie jede menschliche Natur nicht zum Bösen neigen kann und entsprechend (marxistischer Doktrin) nur das Produkt bzw. Opfer seiner Umwelt wäre. Diese Umwelt müsste dann in falscher Konsequenz nur nach neuen und falschen Idealen (wie der Revolution im Namen eines utopischen Fortschritts, einem nivellierenden, realitätsfernen Egalitarismus oder einer enthemmten, verwahrlosenden Libertinage) geändert werden und nicht der einzelne Mensch lernen sittlich gut zu handeln und insbesondere auch lernen Verantwortung für seine Taten zu übernehmen.
Es hat sich gezeigt: Es bedarf stets der Erziehung. Wir alle erziehen uns de facto ständig gegenseitig, auch im Erwachsenenalter. (Der religiöse Mensch weiß, dass ultimativ Gott ihn zu seinem Heil erzieht; siehe das Buch Hiob.) Die Sittlichkeit ist ein Leben entsprechend der Tugenden, einer Tauglichkeit, wie Selbstbeherrschung, Maßhalten, Fleiß, Gründlichkeit, Demut, Wahrhaftigkeit oder Gerechtigkeit, die in jedem schulischen Unterrichtsfach gezielt gefördert werden kann. Für eine Charakter- und auch Herzensbildung bedarf es somit der moralischen Unterscheidung zwischen richtig und falsch, gut und böse, die heutzutage leider auch nicht immer als selbstverständlich angenommen werden kann. Dafür bedarf es einer entsprechenden Vorbildwirkung und somit auch erst der Vorbilder. Einen wirklich klaren moralischen Maßstab gibt uns die göttliche Offenbarung, etwa im Dekalog, mit der Goldenen Regel („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“, Matthäus 7,2) und im Doppelgebot der Liebe:
„Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ (Markus 12, 29)
Insbesondere aus einem christlichen Geist entspringt eine Wertschätzung und Anerkennung des Kindes in seiner Eigenart und Einzigartigkeit mit seinen jeweiligen Fähigkeiten und Talenten. Die Entfaltung dieser bedarf des Raumes, in dem gefördert und gefordert werden soll und somit auch Grenzen gesetzt werden sollten. Die Erziehung und Formung eines Kindes sind ein mühsames Unterfangen und ein oft schwieriges Abwägen zwischen Achtung der Freiräume, der Würde und auch Ehre des Heranwachsenden, dem Erteilen von Lob und der Ermutigung, dem Spenden von Trost, sowie dem Erteilen von Tadel und Strafe, wenn nötig. Es bedarf insbesondere der Liebe und Wertschätzung als Wohlwollen und auch der Geduld, damit ein Kind eine Anerkennung wahrnimmt – echte Liebe befreit zu dem, was wirklich wichtig ist.
Das bekannte biblische Wort „Werdet wie die Kinder“ (vollständig: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, kommt ihr nicht in das Himmelsreich“, Matthäus 18,3) bedeutet so werden, wie wir es eigentlich unserem Wesen nach sind. Wir sollen kindlich bleiben oder sein, was nicht bedeutet kindisch und infantil zu sein, sondern die Welt offenherzig, unschuldig und mit positiven Augen zu sehen, um sie fragend zu entdecken – somit sich auch Wirklichkeit in der Welt anzueignen. Eine Erziehung entspringt einem echten Wohlwollen, eben als Sorge um das Heil der Seele. Eine Nicht-Erziehung wäre ein Indifferentismus und somit ein Mangel an Liebe. Die Sorge um das Seelenheil geht einher mit der Ausrichtung der Erziehung auf die eigentlichen Bildungsziele wie dem (uns von Platon überlieferten) Wahren, Schönen und Guten, die sich in den Verfassungstexten finden. Mit der Liebe (als einem echten Wohlwollen) ist die christliche Antwort auf die Frage nach dem guten, richtigen Leben und somit auf die Sinnfrage gegeben, die durch relativistische Ideologien zu oft verdrängt wird.
Ein Mensch mit Persönlichkeit kann man erst werden, wenn man nach dem Richtigen fragt und an diesem aktiv partizipiert. Doch ohne einen richtigen und auch höchsten Maßstab gibt es kein Gutes und Richtiges, womit auch jede Toleranz oder jegliches Anspruchsdenken bald sinnentleert wäre. Doch machen wir uns nicht vor, es würde sich nicht eine „Diktatur des Relativismus“ (Papst Benedikt XVI.) ausbreiten, die einen Glaubensverlust hervorruft, der mit Ängsten, inneren und äußeren Zwängen, Permissivität sowie einem Konformismus einhergeht – jedoch nicht mit einer Freiheit, die diesen Namen verdient. In dieser Diktatur sollen ganz bewusst höhere und auch immer schwierig zu erreichende Standards niedrig gesetzt werden und die Horizonte begrenzt werden – und dies ermöglicht keine wahre Selbstentfaltung junger Menschen, durch die sie reife und verantwortungsbewusste Bürger werden können.
Eine Selbstbeschränkung durch die Niedrigsetzung von echten und christlichen Idealen befreit vom Geist, von der Realität und verursacht nicht selten verwirrte, projizierende und gleichzeitig sich überhebende Menschen (mit Minderwertigkeitskomplexen). Diese Menschen werden aus mangelnder Selbstachtung andere Menschen nicht achten und ehren können – und mitunter alles herabwürdigen und vernichten wollen, was ihnen (in ihrer verwirrten Armseligkeit) widerspricht. Die Ergebnisse einer Laissez-Faire-Nicht-Erziehung haben sich als verheerend erwiesen; sie haben narzisstische Menschen ohne innere Werte, ohne Liebe und ohne Persönlichkeit hervorgebracht, die nur Konsumenten und unkritische Mitläufer sind, die von (linksextremen) Ideologen (medial) manipuliert werden können. Diese Menschen mit mangelnder Charakter- und Herzensbildung, die ihnen vorenthalten worden sind, glauben leichtfertig den Lügen derjenigen, denen es nur um ihre Macht oder wirtschaftlichen Interessen geht. Diese und jeder von uns sind stets zur Umkehr aufgerufen, Jesus nachzufolgen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6).
Wir sollen als Eltern und Lehrer Kinder so auf das Leben vorbereiten, dass sie zu „Mitbesitzern der Welt und nicht des Irrtums“ (Papst Pius XII.) werden. Christlich gesprochen geht es dabei eben zentral um eine Ausrichtung auf Jesus Christus:
„Jesus ist es, der in euch etwas entfacht: die Sehnsucht, aus eurem Leben etwas Großes zu machen; den Willen, einem Ideal zu folgen; die Ablehnung, euch von der Mittelmäßigkeit verschlingen zu lassen; den Mut, euch in Demut und Treue darum zu mühen, euch selbst und die Gesellschaft besser zu machen, damit sie menschlicher werde.“ (Papst Johannes Paul II.)
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Auszug österreichischer Verfassungstext
