Philosophie: Platon und der Mythos

Die Auffassung, dass die Religion eine wichtige Rolle bei der Schaffung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung innehat, steht konträr zum säkularen beziehungsweise laizistischen Selbstverständnis, das der Religion eine ebensolche Rolle aberkennt. Beide Positionen wurden in der Geschichte von mehreren Denkern theoretisch fundiert – deren Früchte jeder für sich erkennen möge (vgl. Matthäus 7,13). Wirkmächtig plädierte etwa der englische Philosoph und liberale Gründungsphilosoph der Vereinigten Staaten von Amerika John Locke (1632-1704) für eine Trennung von Religion und Staat, allerdings noch zum Schutze der Religion vor der Bevormundung durch den Staat. Die Revolutionäre Frankreichs trachteten in ihrer Religionsfeindlichkeit jeden Einfluss von Religion und Kirche zu verbannen – Ecrasez l’infame lautet der Schlachtruf Voltaires (1694-1778). Im Unterschied hierzu war es das Christentum, dass zwar eine Unterscheidung beider Sphären, jedoch keine Trennung lehrte. Überdies war es insbesondere der griechische Philosoph Platon (428/7-348 v. Chr.), der einen inneren Zusammenhang zwischen dem Metaphysischen und dem Politischen sah.

In seinem Alterswerk Nomoi lässt Platon den Athener auf der Suche nach der rechten politischen Ordnung und den Ursprüngen der richtigen Gesetze die Frage stellen: „Sollen wir noch ein wenig den Mythos und die Sage zu Hilfe nehmen, um auf diese Frage die richtige Antwort zu finden?“ Zwar übte Platon eine Kritik an den ihm überlieferten Mythen, nutzte jedoch wie kaum ein anderer (griechischer) Denker (neue) Mythen zur Veranschaulichung tieferliegender Wahrheiten. Dabei steht für Platon der Mythos nicht neben dem oder gegen den Logos (λόγος), sondern ergänzt ihn bzw. fördert ihn: „Ich werde den Mythos als eine vernünftige Geschichte ansehen.“ Und insbesondere jene Verschiebung eines „Akzents der Realität“, weg von tiefer liegenden, metaphysischen Wahrheiten, die meist auf sozialen Druck hin geschieht, die die Vielen gar nicht und Wenigen nur mit Mühen ertragen, ist für Platon die zu bekämpfende Ursache der Zerstörung der Seele und der Unordnung in der Gesellschaft.

Dass der Mythos Ausdruck einer höheren Wahrheit ist und sogar dazu dient, die menschliche Seele zu retten, war Platons Überzeugung, wie er am Ende seines Werkes Politeia verdeutlichte: „Und so, mein lieber Glaukon, ist denn dieser Mythos erhalten worden und ist nicht untergegangen, und er wird vielleicht auch unsere Seelen retten, wenn wir ihm nämlich folgen.“ In diesem Sinne fasste und verteidigte ähnlich wie andere der katholische Philosoph Joseph Pieper (1904-1997) den platonischen Mythos als eine nur dem Glauben zugängliche historische Wahrheit und die göttliche Heilsoffenbarung als die Quelle dieser Wahrheit – der Mythos wäre demnach eine religiöse Kategorie. Und eine religiöse Realität ist im Verständnis Platons oder auch des Christentums, das in seiner frühen Geschichte den Platonismus integrierte, die Quelle der Ordnung in der Seele und der Gesellschaft.

Nun soll nicht missachtet werden, in welchen Kontext die Rede vom Mythos und der Religion heute an dieser Stelle erhoben wird, nämlich einer heute sehr dominierenden Vorstellung einer vermeintlichen „Wissenschaftlichkeit“, die eher eine Wissenschaftsgläubigkeit ist – was eigentlich eine contradictio in adiecto ist. Diese besteht in der Machbarkeitsvorstellung, alles und jeden mit der technizistisch-naturwissenschaftlichen ratio erfassen, zerlegen und neu figurieren zu können – ein Erbe einer vermeintlichen Aufklärung, die jede tieferen metaphysischen Erkenntisse und transzendenten Geheimnisse ausradiert. Doch diese Wissenschaft, so kritisierte insbesondere Friedrich Nietzsche (1844-1900), sei eine Wahnvorstellung, die beansprucht, dass es keine „Wahrheit des Irrationalen“ (Arnold Gehlen, 1904-1976) gäbe. Und es ist der Szientismus, der mit einem Totalitarismus einhergeht, wie der Kommunismus bewies, der sich auch in westlichen Fortschrittsvorstellungen findet.

Friedrich Nietzsches Diktum, wonach die „Wissenschaft“ der Tod der Religion sei, mündet in seine Prophezeiung: „Ein Zeitalter der Barbarei beginnt, die Wissenschaften werden ihm dienen.“ Diese „Wissenschaft“ hat eine analytische, zerlegende Potenz ins Übermaß gesteigert und dabei aber auch einen Kältestrom des Intellektualismus ausgelöst, in dem der Mensch nur mehr weiß und nicht mehr glaubt, sowie nur mehr denkt und nicht mehr lebt. Traditionelle Lebenseinstellungen und -entwürfe, die sich dahingegen auf Metaphysik berufen, erscheinen einem solchen Verständnis in der Regel als rückständig, fremd und obskur, wie nicht zuletzt Karl Popper (1902-1994) versuchte zu veranschaulichen. Doch bedarf eine wirklich kritische Reflektion des szientistisch-wissenschaftlichen Reduktionismus samt seinem Materialismus und eine Rückbesinnung sowie ganzheitliche Verbindung mit der Wesenswirklichkeit des Menschen und des Menschlichen:

„Solche Erwägungen würden das positivistische Bild der Entwicklung von einer frühen religiösen oder theologischen Phase der Menschheit bis zur Höhe der positiven Wissenschaft radikal umstoßen. Nicht nur würde die Linie der Entwicklung, zumindest für die Neuzeit, von einer höheren zu einer niedrigeren Stufe der Rationalität verlaufen, sondern darüber hinaus müsste dieser Abstieg der ratio als die Folge geistigen Rückschritts aufgefasst werden. Damit würde eine Deutung westlicher Geschichte, die in Jahrhunderten entstanden war, revolutioniert werden. Und eine Revolution solchen Ausmaßes würde auf die Opposition ‚progressiver’ Elemente stoßen, die sich plötzlich in der Lage rückschrittlicher Irrationalisten befänden.“

Der Mythos

Doch was ist eigentlich der Mythos genauer hin, dessen Wortbedeutung immer etwas unklar geblieben ist? Das Adjektiv „mythisch“ wird in der Umgangssprache häufig als Synonymbegriff für märchenhaft-vage, fabulös oder legendär verwendet. Zunächst ist der Mythos eine überlieferte Erzählung, und dabei meist eine idealtypische Ursprungsgeschichte, deren Verfasserschaft auch meist im Unklaren bleibt. Vom griechischen Wort μυθολογία, „Sagendichtung“, abstammend, wäre er eben entsprechend seiner ursprünglichen Bedeutung nach „nur“ Laut, Wort, Rede und sagenhafte Erzählung – eine Realität bloß in Worten. Der Mythos erhebt bekanntermaßen keinen Anspruch auf exakte Beschreibung der Wirklichkeit, sondern Platon entsprechend eine wahrscheinliche, über „die wir zufrieden sein können“. Die Religion im Unterschied dazu kennt eine konkrete Offenbarung.

(…)

Die Seele und der Kosmos bei Platon

Wenn wir nun zum Vergleich einen Blick (zurück) auf die platonische Philosophie werfen, dann begegnet einem auf dem Gebiet der politischen Theorie ein anderes Bild als das oben dargelegte. Uns sollen an dieser Stelle zwei zentrale Konzeptionen Platons interessieren, nämlich seine Seelenlehre und seine Kosmologie – und somit ein bestimmtes Verständnis einer Ordnung. Diese Ordnung ist zunächst in der Seele des Einzelnen, einem Kosmos im Kleinen, zu begründen. Für Platon setzt sich die Seele aus einem begehrenden (ἐπιθυμητικόν, epithymētikón), einem muthaften bzw. ehrhaften (θυμοειδές, thymoeidés) und einem vernünftigen (λογιστικόν, logistikón) Teil zusammen. Diese drei bilden eine Einheit und sollen in Harmonie zu einander stehen, wobei der vernünftige Teil die anderen Seelenteile führen soll wie der Wagenlenker seine Pferde. Jedem der angesprochenen drei Seelenteile entspricht eine Tugend (ἀρετή, areté, Tüchtigkeit) zur Erlangung ihrer je eigenen Vervollkommnung: dem begehrenden Teil die Besonnenheit, dem muthaften die Tapferkeit und dem vernünftigen die Klugheit, welche die Seelenteile richtig ausrichtet.

Alle drei Seelenteile in rechter Harmonie zueinander machen die Seele des Menschen gerecht. Analog zur Ordnung der Seele sieht Platon die Ordnung der Polis, in der jeder entsprechend seiner Fähigkeiten das Seine tun soll. Die Polis, die nach Platon von überschaubarer Größe sein soll, ist der „großgeschriebene Mensch“. In ihre sollen die Weisen, die Philosophenkönige herrschen. Und in der Ordnung der Seele und somit auch der Polis besteht für Platon die Gerechtigkeit, die zur Eudämonie (εὐδαιμονία, vom guten Geist, „Glückseligkeit“) führt. Somit gehört Gerechtigkeit „zu dem Schönsten, nämlich zu dem, was sowohl um seiner selbst willen wie wegen der daraus entspringenden Folgen von jedem geliebt werden muss, der glücklich werden will.“

Für Platon ist die Seele das Prinzip des Lebens und ohne eine Seele kann für Platon kein Wesen Vernunft bewahren. Sie ist die Bewegung, die sich selbst bewegen kann. Damit ist sie zugleich unsterblich, unvergänglich und unzerstörbar, denn das sich selbst Bewegende kann weder untergehen noch entstehen. Die Gegenwart der Seele ist das, was einem Körper Leben einhaucht. Und wie bereits erwähnt, nährt der Mythos die Seele. Dieses Wachstum der Seele ermöglicht laut Platon eine zielgerichtete Ausrichtung auf die „Idee des Guten“, die durch die Erfahrungen des ἔρως (Eros, Liebesstreben), θάνατος (thanatos, Sterben) und δίκη (dike, Gerechtigkeit) den Weg zu einer Ordnung der Seele ebnen, die wiederum ein philosophisches und tugendhaftes Leben ermöglicht. Und für Platon haben nicht nur Menschen eine Seele, sondern auch die Welt – für Platon gibt es eine Weltseele im Kosmos.

Das Höhlengleichnis

Das Wachstum der Seele ermöglicht nun einen Aufstieg dieser zur „Ideen des Guten“, die Platon in seinem zum Mythos und für das Abendland prägenden Grundimpuls gewordenen Höhlengleichnis beschreibt:

„Und jetzt will ich dir ein Gleichnis für uns Menschen sagen, wenn wir wahrhaft erzogen sind und wenn wir es nicht sind. Denke dir, es leben Menschen in einer Art unterirdischer Höhle, und längs der ganzen Höhle zöge sich eine breite Öffnung hin, die zum Licht hinausführt. In dieser Höhle wären sie von Kindheit an gewesen und hätten Fesseln an den Schenkeln und Halse, so dass sie sich nicht von der Stelle rühren könnten und beständig gerade aus schauen müssten. Oben in der Ferne sei ein Feuer, und das gäbe ihnen von hinten her Licht. Zwischen dem Feuer aber und diesen Gefesselten führe oben ein Weg entlang. Denke dir, dieser Weg hätte an seiner Seite eine Mauer, ähnlich wie ein Gerüst, das die Gaukler vor sich, den Zuschauern gegenüber, zu errichten pflegen, um darauf ihre Kunststücke vorzuführen. (…) Weiter denke dir, es trügen Leute an dieser Mauer vorüber, aber so, dass es über sie hinwegragt, allerhand Geräte, auch Bildsäulen von Menschen und Tieren aus Stein und aus Holz, und überhaupt Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Einige dieser Leute werden sich dabei vermutlich unterhalten, andere werden nichts sagen.“

Nun gibt es Menschen, die von den Fesseln befreit werden und erkennen, dass sie bisher nur Schattenbilder für die Wirklichkeit gehalten und somit Scheinmeinungen vertraten haben. Sie wurden somit durch einen Impuls bzw. Drängen veranlasst die Dinge der Welt anders zu sehen und auf ihr „allheitliches Wesen“ (Joseph Pieper) hin zu befragen und möglichst zu erkennen. Dies bedeutet sich nicht zu entfernen von den Dingen des Alltages, aber von den gängigen Deutungen dieser Dinge. Es geht nicht um einen Entschlusses, sich zu unterscheiden, anders zu denken als die Menge, sondern auf Grund dessen, dass uns in den alltäglichen Dingen selbst das tiefere „Antlitz des Wirklichen“ (Joseph Pieper) staunend gewahr wird.

Die „tiefere Wirklichkeit“ ist eine der immateriellen, geistigen Ideen im Sinne Platons und liegt somit „jenseits“ der faktischen Realität, der Oberfläche und auch des angenehmen, bequemen Lebens, somit des Hedonismus. In diesem Sinne sagt Platon, dass der von den Fesseln Befreite die Sonne sehen wird – er wird ihr Wesen begreifen. Ferner sagte Platon über die das Ziel des Philosophen das Wesen der Dinge zu ergründen, in Bezug auf die Gerechtigkeit:

„Nicht ob ich dir hierin Unrecht tue oder du mir – nicht das begehrt der Philosoph herauszubekommen, sondern was überhaupt Gerechtigkeit sei und was Ungerechtigkeit; nicht ob ein König, der viel Gold besitzt, glücklich sei oder nicht, sondern was überhaupt Herrschaft sei, was Glückseligkeit, was Elend – überhaupt und im letzten Grunde.“

Und zum Aufstieg nun aus der Höhle, so heißt es, muss der Mensch gezwungen, gezogen und erzogen werden. Er muss von neuem geboren bzw. gewandelt werden. Über den Aufstieg kann im Sinne der Heiligen Schrift gesagt werden: „Schmal ist der Pfad, der zum Leben führt und nur wenige finden ihn.“ (Matthäus 7,14) Der Weg zur wahren Erkenntnis ist kein rein denkerisch-intellektueller, sondern, wie das Höhlengleichnis auch veranschaulicht, immer ganzheitlich-existentiell zu erlangen. Doch muss dieser schmerzlich sein, wie Platon viermal erwähnt? Platon spricht auch vom durch die Wissensliebe im Sinne des Eros geleiteten Aufstieg, etwa in seinem Werk Symposion. Wer oder was die Umkehr bewirkt, sagt Platon nicht genau; an einer anderen Stelle in seinem Werk spricht er allerdings von der „göttlichen Fügung“.

In seinem Höhlengleichnis spricht Platon von einer Differenz zwischen Sein und Sollen, zwischen aktueller Realität und der noch zu realisierenden Potentialität. Erst diese Differenz ermöglicht einen Raum des Werdens, den der Mensch zu füllen hat, indem er die in ihn liegende Möglichkeit realisiert; Goethe sprach von der „geprägten Form, die lebend sich entwickelt“. Diese Realisierung bzw. Entfaltung steht immer noch aus und wird nie ganz vollendet sein, doch eben dieses Streben zur möglichen Vervollkommnung vermenschlicht den Menschen. Dahingegen verursacht eine „Inversion der Teleologie“ (Robert Spaemann, 1927-2018) eine Deformierung des Menschen. Diese Entelechie, (ἐντελέχεια, entelecheia) die zielgerichtete Verwirklichung der idealen Form, geschieht eben durch die Wanderung der Seele zur „Idee des Guten“:

„Ist man aber ihrer ansichtig geworden, so muss man zu der Überzeugung kommen, dass alles Rechte und Schöne in der ganzen Welt von ihr ausgeht. In der sichtbaren Welt schafft sie Licht und den Herren des Lichts; in der denkbaren Welt ist sie selber Herrin und gibt Wahrheit und Vernunft. Und wer mit Vernunft handeln will, in seinem persönlichen Leben oder als Staatsmann, der muss sie sehen lernen.“

(…)

Conclusio

Für Platon gab es am Wahrheitsgehalt des Mythos keinen Zweifel. Die Aufgabe des Mythos besteht insbesondere darin, die menschliche Seele und ihre Lebenskraft zu nähren, in dem diese mit dem Heiligen in Verbindung gebracht werden sollte. Und dies hat eine politische Dimension. Es war insbesondere Carl Schmitt (1888-1095), der in Anlehnung an Georges Sorel (1847-1922) von der politischen Kraft des Mythos sprach, in dem Kraft zum Handeln und zu einem großen Heroismus liegt:

„In der Kraft zum Mythos liegt das Kriterium dafür, ob ein Volk oder eine andere soziale Gruppe eine historische Mission hat und sein historisches Moment gekommen ist. Aus der Tiefe echter Lebensinstinkte, nicht aus einem Ressentiment oder einer Zweckmäßigkeitserwägung, entspringt der große Enthusiasmus, die große moralische Dezision und der große Mythos.“

Rein rationalistische Argumente reichen nicht aus, die Seele eines einzelnen Menschen oder eines Volkes zu nähren; die eigentliche Vernunft des Menschen speist sich vielmehr aus der „Übervernunft“ der Mythen, die metaphysisch eine tiefere geistige Wirklichkeit und somit auch Vernunft erkennen lässt. Platon verwendet in erzieherischer Absicht Mythen, die „heil machen, gesund machen, am Leben erhalten, bewahren, retten, glücklich ans Ziel bringen“. Mythen sind, wie dies auch Josef Pieper sah, eine dem Glauben zugängliche Wahrheit. Seine „heilende Kraft“ wirkt jedoch nur für die Gläubigen, die sich „überzeugen lassen, bewegen lassen, bestimmen lassen, gehorchen, folgen, vertrauen, glauben“. Wie sollte der Mensch ohne mythische Erzählungen überhaupt Antworten auf die existentiellen Fragen seines Daseins finden? Wie will er in Erfahrung bringen, was er wesensmäßig ist und wie er seiner wahren menschlichen Natur entsprechend leben sollte?

Durch Mythen vermag der Mensch seine Abhängigkeit von den Urbildern, den (platonischen) „evokativen Ideen“, des Kosmos und der Gemeinschaft, zu der er gehört, zu erahnen. Dadurch wird dem Menschen geholfen, insbesondere seine eigene Begrenztheit und Abhängigkeit von einem größeren Ganzen zu sehen. Dies macht ihn erst fähig, seinen Platz als Teil des Ganzen im Kosmos zu finden und sich auf dessen Ordnung „einzustimmen“. Platon verfolgt eben die Absicht, den und die Menschen in einen kosmologischen Kontext zu integrieren, wofür mythische Erzählungen als Ursprungsgeschichten dienen, Gemeinschaften und Völker zu einer Einheit „zusammenzuweben“. Dies bewirkt, dass der Mensch jede Art von Maßlosigkeit vermeidet, um letztendlich seine Begierden und Lüste im Zaum zu halten und somit seine Egozentrik sowie seinen Narzissmus zu überwinden. Dazu wird der Mensch bei Platon in seiner Freiheit und Verantwortungsfähigkeit eingeladen.

Indem eine Integration in den Kosmos geschieht, wird der Mensch Gott wohlgefällig und ihm ähnlich. Verbunden mit dem Göttlichen wird wiederum das unsterbliche Element in der Seele des Menschen erweckt und er dadurch erst fähig, sich selbst einem angemessenen Maß zu unterwerfen. Diese Teilhabe am Göttlichen führt zu Gerechtigkeit und Harmonie in der Seele des Einzelnen sowie im Gemeinwesen – nicht so sehr aus Angst vor Strafe, sondern vielmehr aus Ehrfurcht (aidos) vor dem Gott, der das Universum und alles darin regiert. Überhaupt erhalten menschliche Güter (wie das Leben oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit) in besonderer Weise ihren Wert durch die Beziehung zum göttlichen Gut – und das höchste menschliche Gut ist für Platon die Glückseligkeit, die wiederum durch ein tugendhaftes Leben realisiert werden kann. Den Menschen eben zur Tugend – wobei die Gerechtigkeit für ihn die zentrale Tugend bildet – zu erziehen, sollte für Platon das erste Ziel einer Polis, der Staatsgemeinschaft, sein. Die Frucht der Gerechtigkeit ist nach dem Propheten Jesaja der Friede, der nach Augustinus die Ruhe in der Ordnung ist.6

Unsere sogenannten „modernen“ Gesellschaften haben den Sinn für das Mythologische und auch die Ehrfurcht vor etwas Größerem als das eigene Selbst und auch überhaupt die Frage nach dem guten Leben weitestgehend verloren. Durch den Verlust für den Sinn für Mythen, der Religion sowie auch des Mystischen neigt der Mensch in der heutigen Gesellschaft mehr denn je zur Hybris und zum Irrglauben, er sei das Maß aller Dinge. Hat dies nicht eine Selbstbeschränkung des Menschen zur Folge? Doch sind diese unsere Gesellschaften im „Westen“ frei von Mythen wie der moderne Mensch zu glauben vermeint? Jede Gemeinschaft hat unausweichlich ihre Mythen und Ersatzreligionen, die mitunter auch destruktiv sein können, so etwa ein utopischer Universalismus samt (szientistischer) Fortschrittsgläubigkeit, apokalyptische Klimarettungsvorstellungen oder der (u.a. von Josef Stalin, 1878-1953) verordnete „Antifaschismus“, der zur Vernichtung all dessen aufruft, was nicht links ist.

Insbesondere herrschen heute falsche Erzählungen vor, die den Menschen suggerieren und einreden, dass er selbst sei der Erschaffer seiner eigenen Moral, Identität und seines Glücks. Unsere Gesellschaften brauchen daher mindestens so sehr wie zu Zeiten Platons neue (alte) und würdige Mythenerzählungen, welche den Menschen verzaubern und helfen, sich selbst und sein Leben als Teil einer größeren Vernunft (λόγος), dem ein Sinn innewohnt, zu sehen und damit eine gnostisch-dualistische Entfremdung mit und in der Welt zu überwinden ohne in dieser aufzugehen. Diese würden helfen, sich selbst als Teil einer größeren Mission wie einer gelebten Gottes- und Nächstenliebe oder der Friedenstiftung zu sehen. Nur dies kann ermöglichen, Existenzängste, Nihilismus und eine Selbstvernichtung zu überwinden, denn Mythen würden den Menschen helfen, ein weiseres und menschliches Leben zu führen.

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