Was ist Philosophie?

Ein Annährungsversuch

„Das echte Prinzip der wahren Philosophie muss das gesundheitsmachende, frei, heiter und jung, mächtig, klug und gut machende Prinzip sein.“ (Novalis)

Papst Benedikt XVI. sprach davon, dass sich in unseren Tagen „eine Diktatur des Relativismus herausgebildet hat, in der nichts als endgültig anerkannt wird und die als letzten Maßstab nur das eigene Ich und dessen Wünsche zulässt“. Der Relativismus verneint die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit, die die Übereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit ist, sei diese faktisch und metaphysisch. Der Relativismus ist jedoch weder theoretisch noch ethisch tragbar, was mit dem Versuch der Beantwortung folgender Frage erwiesen werden kann: „Ist die Aussage ‚Es gibt keine Wahrheit’ wahr oder falsch?“ Es gibt nur eine Antwort, denn auch die Antwort „wahr“ impliziert, dass eben diese Aussage auch wahr ist, die Existenz der Wahrheit (einer Aussage) voraussetzt werden muss. Ohne Wahrheit herrscht die Lüge (moralistischer „guter“ Narzissten ohne innere Werte) und somit die bloße Machtausübung derjenigen, die eine Scheinwirklichkeit kreieren und kontrollieren wollen.

Neben einem Relativismus, der in weiterer Konsequenz widersprüchlich wird, tut der Materialismus ideologisch und praktisch seit eh und je das Übrige, um den Keim der Sehnsucht einer geistigen, metaphysischen Wirklichkeit, die jenseits der sinnlich wahrnehmbaren liegt, zu ersticken. Doch früher und später stellen sich dem Menschen brennende Fragen wie: Was ist das Gute, was die Liebe, was die Gerechtigkeit, was die Glückseligkeit – was ist der Sinn des Lebens? Man soll sich nicht beirren lassen zu meinen, das es auf diese Fragen keine Antworten gäbe. Ein Denker wie etwa Immanuel Kant behauptete, dass es „überhaupt unmöglich“ sei zu den letzten und höchsten Prinzipien der Wirklichkeit vorstoßen zu können und somit unsere wesentlichen Lebensfragen beantworten zu können.

Der platonisch-aristotelischen und somit der eigentlich abendländischen Philosophietradition geht es darum, die ewig aktuelle Frage nach der metaphysischen „Wahrheit der Dinge“ (Hl. Thomas von Aquin) zu stellen. Sie fragt nach dem „Wahren, Schönen und Guten“ (Platon). Das Kennzeichen dieser Philosophie der ersten, immerwährenden Prinzipien, auch philosophia perennis genannt, ist, dass sie das Primat der Wirklichkeit, deren höchste Fülle bei Gott selbst ist, anerkennt. Sie will die Übereinstimmung des Denkens mit dem wirklichen Sein, zu dem insbesondere unsere eigene Existenz und unser praktisches Leben in Kultur und Sitte gehören. Sie behauptet selbstbewusst, dass wir an höheren Gedanken partizipieren können. Jede Erkenntnis beginnt mit einer Frage; die erste philosophische Frage nach Sokrates lautet: Was ist das gute Leben? Wir dürfen, können und sollen sie in aller Radikalität wieder stellen.

Am Anfang war das Staunen

Doch auf welchen Wegen gelangt man zur Einsicht der Prinzipien der Dinge? Wo beginnt die Suche nach Weisheit? Ihren Ursprung hat sie im Staunen, das durch (vorurteilsbeladenes) Urteilen oder gar Verurteilen verhindert wird – es bedarf einer Offenheit der Seele. Das heißt nicht, dass man für alles offen sein soll, denn dann wäre man nicht ganz dicht. Es soll schon zu Urteilen über die Wirklichkeit kommen, doch diese sollen begründet sein. Aristoteles erklärte: „Denn das Staunen war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens, …wer aber fragt und staunt, hat das Gefühl der Unwissenheit. Um also der Unwissenheit zu entkommen, begannen sie zu philosophieren. Indem sie sich anfangs über das nächstliegende Unerklärte wunderten, dann allmählich fortschritten und auch über Größeres Fragen aufwarten“.

Der Mensch nimmt beim Staunen die Erfahrungswelt mit ihren sensualistischen und hedonistischen Banden sowie die vielen Scheinmeinungen nicht mehr einfach als gegeben hin, sondern fragt nach einem tieferen Grund von allem. Insbesondere durch Grenzerfahrungen wie jener nach Gerechtigkeit (angesichts von Ungerechtigkeiten), dem Leiden, dem Tod und auch nicht zu selten der Liebe, bricht er aus seinen Selbstverständlichkeiten und begibt sich auf den Pfad der Spekulation – im Sinne eines „spähen“. Mittels seiner geistigen Fähigkeiten, des Verstandes und Willens, erfragt er die Dinge auf eine besondere Weise, nämlich auf ihr „eigentümlichen“ Wesen hin. Dieser Mensch begibt sich auf einem Weg einer inneren Wandlung.

Dieser Aufstieg aus der von Platon beschriebenen Höhle bedeutet nicht sich zu entfernen von den Dingen des Alltages, sondern von den gängigen Deutungen dieser Dinge, von dem vordergründigen Schein der Meinungen, die andere kreieren. Dies tut der Weisheitssuchende, der Philosoph, nicht auf Grund irgendeines Entschlusses, sich zu unterscheiden, anders zu denken als die Menge, sondern auf Grund dessen, dass er in den alltäglichen Dingen selbst das tiefere „Antlitz des Wirklichen“ (Joseph Pieper) gewahr wird. Sofern es ihm gelingt, von sich selbst wegzugehen, sucht er dabei eben nach einem objektiven Gut. Er hat sich letztendlich auf den Weg der Erkenntnis begeben, wenn er die berühmte Einsicht Sokrates’ hat, zu wissen, dass er in Anbetracht der Fülle des Seins nichts weiß. Diese entscheidende Erkenntnis verhilft erst offen zu sein für weitere Erkenntnisse – es verhilft in Demut zu erkennen, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, um somit keiner Einbildung oder verblendenden Hybris zu verfallen, die Wirklichkeit nicht anerkennen zu wollen und sich dann vielleicht noch über diese erheben zu wollen.

Geist ist nicht Zeit(un)geist

Jener, der die Fähigkeit hat, sich in Kontemplation übt und einen mühevollen geistigen Aufstieg nicht scheut, kann durch einen inneren Wandlungsprozess aufsteigen und die immateriellen, ewigen und unveränderlichen Wesenheiten, die „Ideen“ im Sinne Platons, sehen, schauen, betrachten – sich von ihnen ergreifen lassen. Es geht dabei um die Erkenntnis der Wesenheiten der verschiedenen Dinge, wie etwas was Gerechtigkeit an uns für sich ist. Im philosophischen „Handwerk“ selbst kommt es in einem weiteren Schritt zur Begriffsbildung des Erfahrenen und Erkannten. Das „Be-Greifen“ heißt nicht das Bilden von Begriffen, sondern das „gebildet-sein“ in Begriffen. Diese Bildung zeigt sich nicht nur in der logischen Nachvollziehbarkeit, sondern eben auch in der Übereinstimmung von Aussagen mit der tieferen Realität. Dabei beschränkt der Philosoph sich nicht auf Ausschnitte der Wirklichkeit, sondern trachtet danach, das Ganze, das nach Aristoteles „mehr ist als die Summe der Einzelteile“, zu erfassen.

In der Erkenntnis vorankommen kann der Weisheitssuchende heute nur, wenn er noch metaphysische Glut in sich hat, die noch nicht unter der Asche zeitgeistkorrekter Vorurteile und Meinungen begraben liegt, und er in Betrachtung der Dinge den übernatürlichen Bereich des Glaubenslebens, des Mythos und ihrer jeweiligen Offenbarungen nicht ausschließt und an ihren teilnimmt. Nicht das vermeintlich neue Zeitgeistige, sondern die in der Geschichte akkumulierte und bewährte Weisheit wird ihm Orientierung geben. In wahrer Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Kosmos würde er erfassen, dass allem Sein eine Ordnung zugrunde liegt: omne ens est ordinatum. Diese Gesetzmäßigkeiten werden ihm auch Maßstab, Norm und eben Richtwert für sein Leben und das seiner Mitmenschen, somit auch der Politik sein. An der Spitze des Seins steht die erste und letzte Ursache der Dinge, die alles im Sein erhält und auch ordnet – die Quelle der Vernunft und des Guten.

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